Europa erlebt 2026 nicht nur aussergewöhnliche Hitze an Land. Auch Mittelmeer und Atlantik sind ungewöhnlich warm. Solche „marinen Hitzewellen“ können Korallen, Fische und andere Meeresbewohner gefährden, invasive Arten begünstigen und sogar das Wetter an Land beeinflussen. Forschende sehen darin einen deutlichen Fingerabdruck des menschengemachten Klimawandels.

Der Sommer 2026 hat Europa die Hitze deutlich spüren lassen. Wochenlang hohe Temperaturen, ausgetrocknete Landschaften und Nächte, in denen es kaum noch richtig kühl wurde.

Wer in diesen Wochen Ferien am Mittelmeer verbrachte, konnte die Wärme sogar beim Sprung ins Wasser bemerken. Statt erfrischender Abkühlung fühlte sich das Meer vielerorts beinahe wie eine Badewanne an.

Das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck.

Auch Europas Meere erleben derzeit außergewöhnliche Temperaturen. Im August wurde an einer Messboje vor Mallorca eine Wassertemperatur von 33,02 Grad Celsius registriert – ein neuer Rekord.

Und genau diese Entwicklung bereitet Klimaforschenden zunehmend Sorgen.

Denn wenn sich das Meer stark erwärmt, verändert sich weit mehr als nur die Temperatur des Badewassers.

Das Ökosystem der Küstenfeuchtgebiete unter sommerlicher Hitze in Südeuropa
Foto: Saniie - stock.adobe.com

Auch das Meer kann eine Hitzewelle erleben

Von Hitzewellen sprechen wir normalerweise, wenn die Temperaturen an Land über mehrere Tage aussergewöhnlich hoch sind.

Doch etwas Ähnliches gibt es auch im Meer.

Bleibt die Wassertemperatur über längere Zeit deutlich höher als für eine Region und Jahreszeit üblich, sprechen Wissenschaftler von einer marinen Hitzewelle.

Solche Ereignisse hat es schon immer gegeben. Doch sie treten heute wesentlich häufiger auf, dauern länger und werden intensiver.

Das hat einen einfachen Grund: Die Ozeane nehmen einen großen Teil der zusätzlichen Wärme auf, die durch die globale Erwärmung entsteht.

Seit den 1970er-Jahren haben die Weltmeere mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärme aufgenommen, die durch menschliche Aktivitäten im Klimasystem entstanden ist.

Das Meer wirkt damit wie ein gigantischer Wärmespeicher.

Doch dieser Speicher hat Folgen.

Europäische Wetterkarte, die eine extreme Hitzewelle und steigende Temperaturen zeigt. Kräftige Rot- und Violetttöne veranschaulichen die globale Erwärmung, den Klimawandel und die ungewöhnliche Sommerhitze in ganz Europa. Foto: alones - stock.adobe.com

Das Mittelmeer erwärmt sich besonders stark

Eine aktuelle Untersuchung der Forschungsinitiative World Weather Attribution hat die aussergewöhnlich hohen Meerestemperaturen rund um Europa genauer untersucht.

Das Ergebnis ist deutlich: Der menschengemachte Klimawandel hat die aktuellen Temperaturen massiv wahrscheinlicher und intensiver gemacht.

Besonders auffällig ist das Mittelmeer.

In den untersuchten Regionen lagen vergleichbare extreme Meerestemperaturen durch die bisherige globale Erwärmung mehrere Grad höher, als sie ohne den menschlichen Einfluss zu erwarten wären.

Im westlichen Mittelmeer betrug dieser Unterschied bei den untersuchten Juli-Extremen sogar rund 3,4 Grad Celsius.

Das klingt zunächst vielleicht nicht spektakulär. Für ein Meeresökosystem ist eine solche Veränderung jedoch enorm.

Denn viele Tiere und Pflanzen sind an einen relativ engen Temperaturbereich angepasst.

Sonnenbaden auf dem Fels. Foto: Yvonne - stock.adobe.com

Für Meeresbewohner gibt es keine Klimaanlage

Ein Mensch kann bei großer Hitze in den Schatten gehen, einen kühleren Raum aufsuchen oder ins Wasser springen.

Für viele Meeresbewohner ist das schwieriger.

Fische können teilweise in kühlere Regionen ausweichen. Korallen, Schwämme, Muscheln, Seegras oder Algen am Meeresboden können das nicht.

Sie bleiben dort, wo sie sind.

Steigt die Temperatur über längere Zeit zu stark an, geraten diese Organismen unter Stress oder sterben ab.

Besonders problematisch ist das bei Arten, die ganze Lebensräume bilden. Korallen, Schwämme, Seegraswiesen und große Algenbestände bieten Nahrung, Schutz und Kinderstuben für unzählige andere Tiere.

Verschwinden sie, verliert das Meer gewissermaßen einen Teil seiner Infrastruktur.

Die Folgen können sich durch die gesamte Nahrungskette ziehen – von kleinen wirbellosen Tieren über Fische bis zu Seevögeln und Meeressäugern.

Strand von Meia Praia, Lagos, Algarve, Portugal, Europa – seit 2022 werden die Strände der westlichen Algarve von braunen Algen aus Asien heimgesucht – Rugulopterix okamurae; das Problem betrifft auch Spanien und die Azoren. Foto: Danuta Hyniewska - stock.adobe.com

Manche Arten verschwinden – andere kommen

Die Erwärmung verändert außerdem, welche Tiere und Pflanzen überhaupt in europäischen Meeren leben können.

Arten, denen es zu warm wird, wandern Richtung Norden oder in tiefere Gewässer.

Gleichzeitig breiten sich wärmeliebende Arten in Regionen aus, in denen sie früher kaum überleben konnten.

Das ist nicht automatisch schlecht. Ökosysteme verändern sich ständig.

Problematisch wird es jedoch, wenn die Veränderungen so schnell stattfinden, dass heimische Arten nicht mithalten können.

Im Mittelmeer breiten sich bereits zahlreiche gebietsfremde Arten aus. Manche konkurrieren mit einheimischen Arten um Nahrung und Lebensraum.

Auch an europäischen Küsten werden die Veränderungen sichtbar.

Vor Großbritannien wurde 2026 beispielsweise eine ungewöhnlich starke Zunahme von Oktopussen beobachtet. An spanischen Küsten breitet sich wiederum eine ursprünglich aus Asien stammende Braunalge aus, die Strände bedecken und Fischerei sowie Tourismus beeinträchtigen kann.

Das Meer bekommt langsam neue Bewohner.

Am Abend liegt eine Qualle am Ufer des Mittelmeers. Foto: Viktor - stock.adobe.com

Wärmeres Wasser kann auch für Menschen Folgen haben

Ein ungewöhnlich warmes Meer betrifft nicht nur Fische und Korallen.

Auch bestimmte Bakterien fühlen sich in warmem Wasser besonders wohl. Dazu gehören sogenannte Vibrio-Bakterien, die sich bei höheren Wassertemperaturen schneller vermehren können.

Sie können unter bestimmten Bedingungen Magen-Darm-Erkrankungen oder Infektionen verursachen.

Auch schädliche Algenblüten können durch warme Meeresbedingungen begünstigt werden.

Und noch ein bekanntes Ferienphänomen kann zunehmen: Quallen.

Quallen kommen mit warmem und sauerstoffarmem Wasser teilweise besser zurecht als viele Fischarten. Verschieben sich die Bedingungen im Meer, können sie dadurch einen Vorteil bekommen.

Aus einer scheinbar abstrakten Zahl auf einem Thermometer wird so plötzlich etwas, das Menschen am Strand unmittelbar erleben.

NASA-Erdbeobachtungsbilder von Lauren Dauphin, basierend auf Landsat-Daten des US Geological Survey

Warum ein warmes Meer auch unser Wetter beeinflusst

Vielleicht noch überraschender ist eine andere Verbindung:

Was im Meer geschieht, bleibt nicht im Meer.

Warmes Wasser verdunstet stärker. Gleichzeitig kann warme Luft mehr Wasserdampf aufnehmen.

Dadurch steht der Atmosphäre mehr Feuchtigkeit zur Verfügung.

Kommt anschließend die passende Wetterlage hinzu, kann diese zusätzliche Feuchtigkeit heftige Niederschläge verstärken.

Ein warmes Mittelmeer verursacht also nicht automatisch ein Unwetter. Aber es kann gewissermaßen zusätzlichen Treibstoff bereitstellen, wenn sich ein Starkregenereignis entwickelt.

Forschende bringen aussergewöhnlich hohe Temperaturen des Mittelmeers beispielsweise mit besonders intensiven Niederschlagsereignissen wie den verheerenden Überschwemmungen in Valencia im Jahr 2024 in Verbindung.

Das Meer ist deshalb nicht nur Opfer der Klimaerwärmung.

Es ist gleichzeitig ein wichtiger Bestandteil unseres Wettersystems.

Sommernacht in Norrland. Bild von sara5497 auf Pixabay

Warum heiße Meere auch heiße Nächte bedeuten können

Diesen Zusammenhang können Menschen an den Küsten besonders gut nachts spüren.

Wasser speichert Wärme wesentlich länger als Land.

Ist das Meer ungewöhnlich warm, gibt es diese Wärme auch nachts an die Umgebung ab. Die Luft kann dadurch weniger stark abkühlen.

So können warme Meere sogenannte Tropennächte verstärken – Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt.

Für den menschlichen Körper sind gerade solche Nächte belastend. Nach einem heißen Tag fehlt die notwendige Erholung.

Meer und Atmosphäre beeinflussen sich also gegenseitig.

Eine Hitzewelle endet nicht einfach an der Küste.

Ein weiblicher Blauhai (Prionace glauca), fotografiert in den offenen Gewässern der Keltischen See. Foto: Morhua unter  Creative-Commons-Lizenz

Ein Blick in die Zukunft

Die Studie von World Weather Attribution zeigt noch etwas, das nachdenklich macht.

Meerestemperaturen, die früher aussergewöhnliche Ereignisse waren, werden bereits heute wesentlich häufiger erreicht.

In der Keltischen See – dem Atlantikgebiet südlich von Irland und westlich von Großbritannien – wäre ein vergleichbares Extrem ohne die bisherige menschengemachte Erwärmung ungefähr einmal in 100 Jahren zu erwarten gewesen. Im heutigen Klima kann es statistisch etwa alle drei Jahre auftreten.

Im östlichen Mittelmeer sind vergleichbare Extremtemperaturen inzwischen sogar noch häufiger.

Und wenn sich die Erde weiter erwärmt, könnten Temperaturen, die uns heute noch als Rekorde erscheinen, gegen Ende des Jahrhunderts in vielen Regionen fast jedes Jahr auftreten.

Das würde die Anpassungsfähigkeit zahlreicher Meeresbewohner an ihre Grenzen bringen.

Das Leben im Korallenriff. Die leuchtenden Farben der tropischen Fische. Foto: silvae - stock.adobe.com

Die gute Nachricht: Wie warm die Zukunft wird, ist nicht entschieden

Bei all diesen Zahlen ist ein Punkt besonders wichtig.

Die weitere Entwicklung ist kein festgeschriebenes Schicksal.

Wie stark sich die Ozeane in den kommenden Jahrzehnten erwärmen, hängt wesentlich davon ab, wie viele Treibhausgase wir noch ausstoßen.

Gleichzeitig können Schutzgebiete, eine nachhaltigere Fischerei, weniger Verschmutzung und der Schutz wichtiger Lebensräume wie Seegraswiesen, Korallen und Küstenökosysteme den Meeren helfen, widerstandsfähiger zu werden.

Wir können marine Hitzewellen nicht einfach abschalten.

Aber wir können beeinflussen, wie häufig und wie extrem sie in Zukunft werden – und wie gut die Ökosysteme damit umgehen können.

Malerischer Blick aus der Vogelperspektive auf einen Fluss im Regenwald bei Sonnenuntergang im brasilianischen Amazonasgebiet
PhotoSpirit - stock.adobe.com

Alles hängt zusammen

Der Hitzesommer 2026 zeigt einmal mehr, wie eng die verschiedenen Teile unseres Klimasystems miteinander verbunden sind.

Atmosphäre, Ozeane, Wälder und Böden sind keine voneinander getrennten Welten.

Sie tauschen ständig Wasser, Wärme und Kohlenstoff miteinander aus.

Die Ozeane nehmen einen großen Teil der zusätzlichen Wärme auf. Wälder speichern Kohlenstoff, verdunsten Wasser und beeinflussen Niederschläge. Beide Systeme gehören zu den großen natürlichen Stabilisatoren unseres Planeten.

Genau deshalb ist ihr Schutz so wichtig.

Denn ob Mittelmeer, Atlantik oder Amazonas: Gesunde Ökosysteme können den Klimawandel nicht allein stoppen – aber sie machen unseren Planeten widerstandsfähiger gegenüber seinen Folgen.

Sunset am Amazonas. Foto: Eva Carre - stock.adobe.com

Apalife-Gedanke

Was diesen Sommer im Mittelmeer geschieht und was Tausende Kilometer entfernt im Amazonas passiert, gehört zum selben Klimasystem. Der Schutz unserer natürlichen Ökosysteme bedeutet deshalb immer auch, die Widerstandskraft unseres Planeten zu stärken.

👉 Jeder Schritt zählt – entdecke, wie du deinen Beitrag leisten kannst:


Fotos: Apalife, Climate Central, Morhua unter Creative-Commons-Lizenz, Markus Distelrath / sara5497 auf Pixabay, NASA-Lauren Dauphin US Geological Survey, Saniie / Luc V. de Zeeuw / Hector / Danuta Hyniewska / Viktor / silvae / PhotoSpirit / Eva Carre – stock.adobe.com
Text: Apalife Redaktion, Quelle: WWA Scientific Report Europe

Häufige Fragen zur Erwärmung der europäischen Meere

Was ist eine marine Hitzewelle?

Von einer marinen Hitzewelle spricht man, wenn die Wassertemperatur in einem Meeresgebiet über einen längeren Zeitraum ungewöhnlich hoch ist. Solche Ereignisse können marine Ökosysteme stark belasten und unter anderem Korallen, Schwämme, Algen, Fische und andere Meeresbewohner beeinträchtigen.

Warum erwärmt sich das Mittelmeer so stark?

Das Mittelmeer reagiert besonders empfindlich auf den Klimawandel. Steigende Lufttemperaturen und anhaltende Hitzeperioden erwärmen das Oberflächenwasser. Gleichzeitig ist der Wasseraustausch mit dem Atlantik begrenzt. Dadurch können sich außergewöhnlich hohe Wassertemperaturen entwickeln und über längere Zeit halten.

Wo liegt die Keltische See?

Die Keltische See ist ein Teil des Atlantischen Ozeans südlich von Irland und westlich von Großbritannien. Sie erstreckt sich ungefähr zwischen Irland, Südwestengland und der Bretagne. Auch dort zeigen Untersuchungen deutliche Veränderungen bei extrem hohen Meerestemperaturen.

Welche Folgen haben marine Hitzewellen für Tiere und Pflanzen?

Besonders gefährdet sind Arten, die hohen Temperaturen nicht ausweichen können. Dazu gehören beispielsweise Korallen, Schwämme und Makroalgen. Ihr Verlust kann ganze Lebensräume verändern, weil zahlreiche Fische und andere Meerestiere auf diese Strukturen angewiesen sind.

Können warme Meere auch für Menschen gefährlich werden?

Ja. Wärmeres Meerwasser kann unter anderem die Ausbreitung bestimmter Vibrio-Bakterien begünstigen. Auch Quallen können von veränderten Umweltbedingungen profitieren. Darüber hinaus können sehr warme Küstengewässer die nächtliche Abkühlung der Luft erschweren und damit die Belastung während Hitzeperioden erhöhen.

Können warme Meere Unwetter verstärken?

Ein ungewöhnlich warmes Meer kann der Atmosphäre zusätzliche Wärme und Feuchtigkeit zuführen. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Treffen solche feuchten Luftmassen auf geeignete Wetterlagen, können dadurch intensive Niederschläge und schwere Unwetter begünstigt werden.

Was können wir gegen die Erwärmung der Meere tun?

Entscheidend ist vor allem eine schnelle Verringerung der globalen Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig können der Schutz intakter Meeresökosysteme, ökologische Rückzugsräume und bessere Frühwarnsysteme dazu beitragen, die Folgen mariner Hitzewellen abzumildern.