Der aktuelle El Niño entwickelt sich zu einem aussergewöhnlich starken Ereignis. Gleichzeitig liefern neue Studien Hinweise darauf, dass El-Niño-Ereignisse im Zuge der globalen Erwärmung intensiver werden könnten. Für den Amazonas ist das besonders relevant: Hitze und Trockenheit können Wälder schwächen, Waldbrände begünstigen und die Widerstandskraft eines der wichtigsten Ökosysteme der Erde beeinträchtigen.

El Niño gehört zum natürlichen Klimasystem unseres Planeten. In unregelmässigen Abständen erwärmt sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen tropischen Pazifik ungewöhnlich stark. Dadurch verändern sich Luftströmungen und Niederschlagsmuster – mit Auswirkungen, die Tausende Kilometer weit reichen können.

Was im Pazifik beginnt, kann Dürren in Südamerika, Starkregen in anderen Regionen und Veränderungen der globalen Durchschnittstemperatur auslösen.

Der aktuelle El Niño 2026/27 entwickelt sich aussergewöhnlich stark. Die Weltorganisation für Meteorologie erwartet, dass das Ereignis mindestens bis Anfang 2027 anhält und zu den stärksten seit Beginn systematischer Aufzeichnungen gehören könnte.

Doch parallel dazu beschäftigt die Klimaforschung eine grundsätzlichere Frage:

Werden El-Niño-Ereignisse durch die globale Erwärmung stärker?

Eine neue Studie liefert dafür bemerkenswerte Hinweise.

Korallen erzählen Klimageschichte

Ein Forschungsteam um Julia Cole von der University of Michigan untersuchte Korallen von den Galápagos-Inseln.

Korallen sind gewissermassen natürliche Klimaarchive. Während sie wachsen, speichern ihre Skelette chemische Informationen über das Meerwasser, in dem sie leben. Dadurch können Forschende Veränderungen der Meeresoberflächentemperatur weit über den Zeitraum moderner Messinstrumente hinaus rekonstruieren.

Die im Fachjournal Science veröffentlichte Studie rekonstruiert die Klimaschwankungen im östlichen äquatorialen Pazifik über einen grossen Teil des vergangenen Jahrtausends. Das Ergebnis: Die Schwankungen der Meerestemperatur haben in jüngster Zeit deutlich zugenommen – stärker, als es durch die rekonstruierte natürliche Variabilität allein zu erwarten wäre. Nach Analyse der Forschenden hängt diese Zunahme insbesondere mit stärkeren El-Niño-Ereignissen zusammen.

Das ist bedeutsam.

Denn wie sich das natürliche El-Niño-System in einer wärmeren Welt verändert, gehört bislang zu den schwierigeren Fragen der Klimaforschung. Klimamodelle zeigen zwar Veränderungen, doch das ENSO-System – die Abfolge von El Niño, La Niña und neutralen Phasen – ist komplex und weist grosse natürliche Schwankungen auf.

Die Korallen liefern nun einen viel längeren Vergleichszeitraum.

El Niño ist natürlich – die Ausgangslage verändert sich

Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend:

Der Klimawandel erzeugt El Niño nicht.

El Niño existierte lange vor der Industrialisierung und gehört zur natürlichen Dynamik von Ozean und Atmosphäre.

Aber El Niño findet heute in einer wärmeren Welt statt.

Die Ozeane enthalten mehr Wärme, die Atmosphäre ist wärmer und kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Dadurch verändern sich die Rahmenbedingungen, unter denen natürliche Klimaschwankungen stattfinden.

Die neue Studie zeigt, dass die jüngste Zunahme der Temperaturschwankungen im östlichen Pazifik parallel zur globalen Erwärmung verläuft. Die Autoren sprechen deshalb von besorgniserregenden Folgen für zukünftige Klimaextreme.

Das bedeutet noch nicht, dass jedes zukünftige El-Niño-Ereignis automatisch stärker wird.

Aber es bedeutet, dass die Möglichkeit stärkerer Ausschläge zunehmend ernst genommen werden muss.

Und was hat das mit dem Amazonas zu tun?

Sehr viel.

El Niño beeinflusst die Niederschlagsverteilung über Südamerika. In Teilen des Amazonasbeckens führt ein starkes Ereignis häufig zu weniger Regen, höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden.

Für einen tropischen Regenwald klingt „Trockenheit“ zunächst fast paradox.

Doch auch der Amazonas besitzt ausgeprägte Regen- und Trockenzeiten. Wird die Trockenzeit ungewöhnlich lang oder intensiv, geraten Bäume unter Wasserstress. Sie schliessen ihre Spaltöffnungen, reduzieren die Photosynthese und wachsen langsamer. Bei extremer Trockenheit können Bäume absterben.

Gleichzeitig steigt die Gefahr von Waldbränden.

Der Amazonas ist von Natur aus kein Ökosystem, das regelmässig brennen sollte. Viele seiner Baumarten sind schlecht an Feuer angepasst. Dringt Feuer einmal in den Wald ein, kann es deshalb langfristige Schäden verursachen.

El Niño 2023/24 war möglicherweise ein Vorgeschmack

Besonders aufschlussreich ist eine zweite, erst Anfang Oktober 2026 veröffentlichte Studie.

Ein internationales Forschungsteam untersuchte, wie stark tropische Wälder während des El Niño 2023/24 gleichzeitig von Hitze und Trockenheit betroffen waren.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Rund 75 Prozent der tropischen Wälder weltweit erlebten während dieser zwei Jahre im Durchschnitt etwa sechs Monate mit ungewöhnlich starker Kombination aus Hitze und Trockenheit.

Anschliessend verglichen die Forschenden diese Bedingungen mit Klimamodellen für die kommenden Jahrzehnte.

Für den Amazonas ist das Ergebnis besonders relevant.

Die extremen Temperaturen des El Niño 2023/24 könnten in vielen tropischen Regionen zunehmend zu normalen Bedingungen werden. Im Amazonas steigt zusätzlich auch die Wahrscheinlichkeit vergleichbar extremer Dürreperioden deutlich.

Der Titel der Studie bringt das auf den Punkt:

Der El Niño 2023/24 könnte eine Vorschau auf das zukünftige Klima tropischer Wälder gewesen sein.

Beautiful view of Urubu River, forest trees in cloudy summer day before rain and storm in Amazon Rainforest. Manaus, Amazonas, Brazil. Foto: Imago Photo - stock.adobe.com

Ein Regenwald besitzt Grenzen

Tropische Wälder sind erstaunlich widerstandsfähige Systeme.

Sie können sich von einzelnen Trockenperioden erholen, auf natürliche Schwankungen reagieren und lokale klimatische Veränderungen abfedern.

Doch Widerstandsfähigkeit ist nicht unbegrenzt.

Wenn extreme Trockenheit, Hitze, Waldbrände und Abholzung gleichzeitig auftreten, verstärken sich ihre Auswirkungen gegenseitig.

Ein geschädigter Wald speichert weniger Kohlenstoff. Weniger Vegetation bedeutet gleichzeitig weniger Verdunstung. Dadurch gelangt weniger Wasser in die Atmosphäre – und regional kann wiederum weniger Regen entstehen.

Deshalb ist der Erhalt grosser, zusammenhängender Waldgebiete so wichtig.

Regenwaldschutz ist auch Klimavorsorge

Für Apalife liegt genau hier ein wichtiger Ansatz.

Die grossen Klimaprobleme der Erde können nicht allein durch Waldschutz gelöst werden. Die weltweiten Treibhausgasemissionen müssen gleichzeitig deutlich sinken.

Aber ein bestehender Regenwald erfüllt heute bereits Funktionen, die wir technisch kaum ersetzen können.

Er speichert Kohlenstoff.

Er hält Wasser im regionalen Kreislauf.

Er schützt Böden.

Er schafft Lebensraum für eine aussergewöhnliche biologische Vielfalt.

Und ein intakter Wald besitzt eine wesentlich höhere Chance, mit Klimaschwankungen umzugehen als ein bereits fragmentierter oder geschädigter Wald.

Regenwaldschutz bedeutet deshalb nicht nur, etwas Schönes zu bewahren. Er stärkt die Widerstandsfähigkeit eines Ökosystems in einer Welt, in der extreme Klimabedingungen wahrscheinlicher werden.

Die nächsten Monate werden genau beobachtet werden

Der El Niño 2026/27 dürfte für Klimaforschende zu einem besonders wichtigen Beobachtungsfall werden.

Neben seiner Stärke ist auch die Ausgangslage ungewöhnlich: Die Ozeane befinden sich bereits auf einem sehr hohen Temperaturniveau. Wissenschaftler beobachten deshalb genau, wie Atmosphäre, Ozeane und Ökosysteme auf dieses Zusammenspiel reagieren.

Eine Anfang 2026 veröffentlichte Modellstudie hatte bereits darauf hingewiesen, dass ungewöhnlich hohe Temperaturen im tropischen Pazifik einen ursprünglich moderaten El Niño 2026/27 erheblich verstärken könnten.

Das bedeutet nicht, dass sich jede Prognose erfüllen muss.

El Niño bleibt ein komplexes natürliches Phänomen, dessen regionale Auswirkungen erheblich variieren können.

Aber genau deshalb sind die kommenden Monate wissenschaftlich so interessant.

Kein Grund zur Resignation

Nachrichten über stärkere El Niños, Hitzerekorde und gefährdete Regenwälder können schnell den Eindruck vermitteln, die Entwicklung sei ohnehin nicht mehr aufzuhalten.

Die Forschung sagt jedoch etwas anderes.

Die Studie über die tropischen Wälder kommt ausdrücklich zu dem Schluss, dass die zukünftige Häufigkeit solcher extremen Bedingungen wesentlich davon abhängt, wie stark die globalen Treibhausgasemissionen reduziert werden.

Auch hier gilt also dieselbe Botschaft, die wir bereits aus den neuen Schweizer Klimaszenarien kennen:

Jedes Zehntelgrad zählt.

Und jeder Hektar intakter Wald, der heute erhalten bleibt, besitzt auch morgen noch die Chance, Kohlenstoff zu speichern, Wasser zu bewegen und Lebensraum zu bieten.

Apalife – Regenwald bewahren. Zukunft schützen.

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Fotos: Apalife, Beto Santillan/marabelo/CLOVIS/A-Quantix/dam/Iramylson/Imago Photo – stock.adobe.com
Infografik: Apalife
Text: Apalife Redaktion, Quellen: ScienceDirect, PUBMed, Reuters, AGU Journals

Häufige Fragen zu El Niño und dem Amazonas

Was ist El Niño?

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Dabei erwärmt sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen Pazifik ungewöhnlich stark. Dadurch verändern sich Luftströmungen und Niederschlagsmuster in vielen Regionen der Erde.

Was hat El Niño mit dem Amazonas zu tun?

El Niño kann in Teilen des Amazonasbeckens zu weniger Niederschlag, höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden führen. Besonders starke Ereignisse können den Wasserstress für Wälder deutlich erhöhen.

Verursacht der Klimawandel El Niño?

Nein. El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen und existierte lange vor der Industrialisierung. Die Forschung untersucht jedoch, ob und wie sich Stärke und Auswirkungen von El-Niño-Ereignissen in einer wärmeren Welt verändern.

Können El-Niño-Ereignisse durch den Klimawandel stärker werden?

Neue Studien liefern Hinweise darauf, dass die Temperaturschwankungen im östlichen tropischen Pazifik zugenommen haben und stärkere El-Niño-Ereignisse dabei eine Rolle spielen könnten. Die genaue zukünftige Entwicklung des ENSO-Systems ist jedoch weiterhin Gegenstand intensiver Forschung.

Warum ist Trockenheit für den Amazonas problematisch?

Längere Trockenperioden setzen Bäume unter Wasserstress, beeinträchtigen Wachstum und Photosynthese und können die Widerstandskraft des Waldes schwächen. Gleichzeitig trocknet Pflanzenmaterial stärker aus.

Erhöht El Niño das Waldbrandrisiko im Amazonas?

Ja. Weniger Niederschlag, höhere Temperaturen und trockene Vegetation können die Bedingungen für Waldbrände verschärfen. Der tropische Regenwald ist von Natur aus nur schlecht an Feuer angepasst.

Kann sich der Amazonas von El Niño erholen?

Intakte tropische Wälder können sich von einzelnen Trockenperioden teilweise erholen. Wiederholte Hitze, Dürre, Waldbrände und Abholzung können ihre Widerstandskraft jedoch zunehmend schwächen.

Warum ist der Schutz intakter Regenwälder wichtig?

Intakte Regenwälder speichern Kohlenstoff, regulieren den Wasserhaushalt, schützen Böden und bieten Lebensraum für eine aussergewöhnliche Artenvielfalt. Gleichzeitig sind grosse zusammenhängende Waldgebiete widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Belastungen.